Soziokratie II
Den ersten eigenen Vorschlag im soziokratischen Konsent einbringen – vom Beobachten zum aktiven Mitgestalten.
Was ist das?
Soziokratie II ist der Moment, in dem du aufhörst zuzuschauen und anfängst mitzugestalten. In Soziokratie I hast du den Beratungsprozess und den soziokratischen Konsent kennengelernt und ein Stamm-Meeting miterlebt. Jetzt bringst du das erste Mal einen eigenen Vorschlag in den Konsent ein.
Das geht so: Du siehst im Stamm oder in deinem Circle etwas, das du verändern, einführen oder klären möchtest. Du formulierst einen Vorschlag – nicht perfekt, aber konkret – und bringst ihn ans nächste Meeting. Der Stamm durchläuft den Konsent-Prozess gemeinsam mit dir:
- Vorschlag präsentieren – du erklärst, was du lösen willst
- Klärungsfragen – nur Verständnis, noch keine Reaktionen
- Reaktionsrunde – alle reagieren, ohne Diskussion
- Ergänzen – du schärfst oder passt deinen Vorschlag an
- Einwandrunde – «Seht ihr einen Grund, warum dieser Vorschlag Schaden anrichten oder uns zurückwerfen könnte?» Kein schwerwiegender Einwand: Vorschlag angenommen.
- Integration – wenn Einwände bestehen, veränderst du den Vorschlag so, dass er die Einwände berücksichtigt, ohne dein Anliegen aufzugeben.
YOLU coacht die Moderation – du stehst nicht allein da.
Warum gibt es das?
Mitgestaltung ist kein Bonus, den man sich verdienen muss – sie ist ein Grundrecht im Stamm. Das Vorschlagsrecht gilt für alle: Jede:r Colearner:in kann jederzeit einen Vorschlag einbringen, der im zuständigen Circle oder im Stamm behandelt werden muss. Dafür muss man weder alt noch erfahren sein.
Die Quest Soziokratie II markiert den Übergang von «Ich lerne, wie das hier läuft» zu «Ich forme mit, wie das hier läuft». Das ist kein kleiner Schritt. Wer zum ersten Mal einen eigenen Vorschlag einbringt, erlebt, was es bedeutet, Mitverantwortung zu tragen – und wie sich Mitgestaltung von blossem Mitlaufen unterscheidet.
Der Grundsatz dahinter lautet: «Good enough for now, safe enough to try.» Entscheidungen müssen nicht perfekt sein; sie müssen gut genug für den nächsten Schritt sein und sicher genug, um sie auszuprobieren. Ein Vorschlag, der sich als falsch herausstellt, ist keine Niederlage – er ist eine Erkenntnis, die den Stamm weiterbringt.
Wie geht es konkret?
- Such dir ein echtes Anliegen. Was siehst du im Alltag des Stamms, das du verändern, klären oder einführen möchtest? Kein Anliegen ist zu klein – auch ein kleines ist ein echter Vorschlag.
- Formuliere den Vorschlag konkret. Was genau soll anders sein? Für wen gilt das? Warum jetzt? Ein Satz oder zwei reichen für den Anfang.
- Hol dir vorab Rat. Der Beratungsprozess läuft vor dem Konsent: Sprich mit ein, zwei Personen, die das Anliegen betrifft. Was sagen sie? Was übersiehst du vielleicht? So kommt der Vorschlag stärker ins Meeting.
- Bring ihn ans Meeting. YOLU coacht die Moderation – du wirst nicht allein gelassen. Sag deinen Vorschlag, lass die Klärungsfragen zu, hör die Reaktionsrunde durch.
- Wenn ein Einwand kommt, freu dich. Ein schwerwiegender Einwand ist keine Niederlage. Die Integrations-Runde macht den Vorschlag besser – und du hast gelernt, was du allein nicht gesehen hättest.
- Halte fest, was rausgekommen ist. Ein kurzer Eintrag auf deiner Page: Was war mein Vorschlag? Was kam dabei raus? Was habe ich gelernt?
Für Einführende
Wer führt ein?
Stamm (Konzept 5.6). YOLU coacht die Moderation und steht bereit, wenn der Prozess stockt. Circle Learning & Mentoring begleitet die Vor- und Nachbereitung.
Worauf achten?
- Das Vorschlageinbringen ist für viele das erste Mal, dass sie im Stamm wirklich exponiert sind. Das kann sich ungewohnt anfühlen – auch nach einem ruhigen, freundlichen Prozess. Hol die Person nach dem Meeting kurz ab: Wie war das? Was hast du erlebt?
- YOLU coacht hier die Moderation – aber der Stamm führt den Prozess. Greife nicht ein, um die vorschlagende Person zu «schützen». Der Konsent-Prozess ist der Schutz.
- Einwand und Meinung verwechseln Colearner:innen auch in Level 3 noch gelegentlich. Ein Einwand zeigt, dass ein Vorschlag Schaden anrichten oder den Stamm zurückwerfen könnte. «Ich finde einen anderen Ansatz besser» ist kein Einwand. Mach diesen Unterschied sichtbar, ohne die einwendende Person blosszustellen.
- Das Anliegen für die Quest muss nicht gross oder folgenreich sein. Lieber ein kleines echtes Anliegen als ein konstruiertes Grosses. Der Prozess zählt, nicht die Tragweite des Vorschlags.
- Kein Vorschlag dieser Quest wird abgelehnt – entweder wird er angenommen oder integriert. Das ist kein Trost, das ist die Mechanik: Der Konsent sucht eine Lösung, keine Verlierer.
Material
- Nächstes Stamm-Meeting im Kalender – YOLU informieren, dass eine Erstmals-Vorschlagende Person dabei ist
- Konzept 6.2 als Lesehinweis für Colearner:innen, die den vollständigen Ablauf nochmals nachlesen wollen
- Lilo-Page-Zugang für den Eintrag nach dem Meeting